Der Fremde und die Schlittschuhe

Unter dem Weihnachtsbaum lagen Schlittschuhe für Kind2. Kind3 würde (weil es mit Schlittschuhen noch nichts anfangen kann) in seiner unverblümten lauten Art sagen: "Das hab ich mir aber gar nicht gewünscht" und das Geschenk verstoßen.
Kind2 ist da anders. Obwohl die Schlittschuhe auch bei Kind2 nicht auf der Wunschliste standen, freute es sich sehr darüber.
Im vergangenen Sommer gab es erste zaghafte Versuche auf Inline-Skates, seit mehreren Wochen versucht es sich nach Lust und Laune an den (viel zu großen) Heelys der Mutter. Mit mäßigen Erfolg. ;-)
Nachdem der weihnachtliche Verwandtenbesuch endgültig erledigt und die Familie wieder die eigenen vier Wände bewohnen durfte, beschlossen Mutter und Kind2 also den Besuch des "Eispalastes". Aus meiner Kinderzeit kenne ich eishockeyfeldgroße Eishallen mit ordentlich Platz und bei der Größe des hiesigen "Eispalastes" kann ich nur abschätzig sagen: Hyperbel!
Aber man nimmt, was man kriegen kann und so standen wir eines morgens gleich zum Einlass vor dem Tor, damit wir wenigstens ein paar Runden drehen können, bevor Besuchermassen das Feld stürmen.
Motiviert zogen wir die kufenbeschlagenen Schuhe an.

Meine Vollplastikschuhe haben schon ein paar Tage hinter sich und sind wirklich nicht mehr State of the Art. Außerdem hätten sie mal wieder einen Schliff fällig.
In Erinnerung schwelgend rechnete ich sagenhafte 21 Jahre Eigentum nach. Ok, Schleifen fällt aus, demnächst müssen mal neue her.

Wackelig stolperten wir auf die Eisfläche. Unsere Kinder sind allesamt sehr vorsichtig und ängstlich bei so ziemlich allem was neu ist, aber der Wille und Mut zum ausprobieren ist (diesesmal) immerhin vorhanden.
Also fuhren wir erstmal Hand in Hand unsere Runden - ehrlicherweise war es eher ein an-den-Arm-der-Mutter-geklammert - um einigermaßen Gleichgewicht und Gefühl für das Eis zu bekommen. Dann besorgte ich eine Laufhilfe (es wurde der Zwerg), damit Kind2 ohne Angst das Vorwärtskommen üben konnte. Außerdem fühlte sich mein Arm 5cm länger an und mein Körper war schon leicht verkrampft vom schnellen Reagieren und Auffangen des strauchelnden Kindes. Wir machten Pausen, versuchten es mit und ohne den Zwerg, ich gab Tipps (etwas in die Knie gehen, Körper nach vorne beugen, das übliche halt). Dennoch war die Anstrengung nach 30 Minuten übermächtig und unter Lobesgesängen und einer Zuckerwatte (um 10:30 Uhr morgens) traten wir den Heimweg an.

Obwohl ich tatsächlich ziemlich stolz auf Kind2 war, dass es sich traute, durchhielt (wir hätten auch schon nach 15 Minuten wieder fahren können wegen Unlust) und sich gar nicht mal so doof anstellte, wollte Kind2 in nächster Zeit wohl nicht mehr Schlittschuhe fahren.

Die nächste Zeit war dann nach 4 Tagen Pause (glücklicherweise) auch schon wieder vorbei und obwohl für uns beide klar war, dass diesesmal sehr viel mehr Menschen uhrzeitbedingt auf der Bahn sein würde, fuhren wir los.
Tatsächlich waren sehr sehr viel mehr Kinder und Erwachsene auf der Eisfläche und just beim reinkommen sahen wir Groß und Klein übereinander purzeln. Während ich beim Gedanken, ob Kind2 die Karambolage gesehen hatte, die Luft anhielt, zog es mich bereits am Arm: "Du Mama, da hinten sind Kinder hingefallen."
Ich spürte plötzlich Schweißperlen auf meiner Stirn. Ich hatte vor 10 Sekunden den Eintritt bezahlt, bitte bitte lass mich dich nicht überreden müssen, hier zu bleiben. Also antwortete ich daher möglichst beiläufig: "Ja, das passiert schonmal, ist doch nicht schlimm, oder? - Schau, die stehen schon wieder auf. Hat sich auch keiner wehgetan."
Kind2 reagierte unerwartet: "Ja, Mama, das sehe ich selber. Ich wollte dir nur sagen, dass ich es heute viel besser finde!"
Ein großes Fragezeichen baut sich über meinem Kopf auf: "Warum?"
- "Mama, ganz einfach: Wenn heute so viele Leute da sind, fallen öfter mal welche hin und wenn ich mal hinfalle lacht mich keiner aus!"
Ich habe fast Pipi in den Augen, kann mich aber gerade noch zurückhalten. "Es hätte dich beim letzten mal auch keiner ausgelacht. Hier ist jeder zum Üben da und auch die Leute, die gut fahren können, fallen manchmal hin."

Nachdem wir das also geklärt hatten, merkten wir beide, dass es nach der viertägigen Pause (natürlich) etwas besser ging beim Schlittschuhfahren. Die Laufhilfe lehnte Kind2 dieses mal mit den Worten ab: "Das ist eigentlich nur was für die ganz Kleinen, ich brauch das nicht mehr." Trotzdem fuhren wir die ersten Runden wieder Hand in Hand und ich verhinderte einige Stürze. Es fuhren viel mehr Kinder als Erwachsene auf dem Eis und es war ein wildes Durcheinander.
Hinter uns schoss ein Mann heran, wurde leicht langsamer, als er überholte, drehte er sich zu Kind2 um und sagte unvermittelt: "Du musst deinen Körper weiter nach vorne beugen!"
Zwar hatte ich das vorher auch schon mehrmals gesagt, aber ich wusste direkt: Jetzt hat es Kind2 nicht nur gehört, sondern hört auch darauf! Kind2 schaute mich an und mir blieb nur mit einem Augenzwinkern und einem Grinsen zu sagen: "Das stimmt frei wirklich."
Und siehe da: 2 Minuten später hatte es den Dreh raus und eroberte die Eisfläche alleine. Von da an DURFTE ich keine Hand mehr halten. Zwar lief Kind2 die Runden dicht an der Bande, um sich schnell festhalten zu können, zwar waren bis zum Schluss viele Wackler dabei, zwar fiel es mehr als 10mal nach hinten um, ohne dass ich es retten konnte, aber anderthalb Stunden später verließen wir den Eispalast und waren beide sehr hungrig und glücklich.

Danke Fremder!

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